Friedhof der Vergessenen – Eine Geschichte zu Halloween

Vor den Toren mancher Städte gibt es Orte, die irgendwann einfach aufhörten, zu existieren. Als die LostPlace-Bloggerin Mara Winter beginnt, die verblassten Steine eines vergessenen Gräberfelds zu erforschen, erwacht etwas, das die Stadt längst aus ihrem Gedächtnis gelöscht hat.
Zwischen Nebel und Stille muss sie sich entscheiden: Vergessen – oder selbst zur Erinnerung werden.

Der Friedhof der Vergessenen

Der Nebel lag schwer über den Grabsteinen, als hätte er beschlossen, alles zu verschlucken, was je gesprochen wurde. Erst beim dritten Schritt bemerkte Mara, dass keiner der Steine mehr Namen trug. Nur glatte Flächen, grau und kalt, überzogen vom Atem des Regens. Der Geruch von feuchter Erde hing in der Luft – süß, modrig, vertraut.
Wie ein Gruß aus der Tiefe.

Sie war gekommen, um Fotos zu machen. Verfallene Orte, auch LostPlaces genannt, zogen sie magisch an. In der Community hatte sie für ihre morbiden Bilder schon oft lobenswerte Kommentare erhalten. Sie hob die Kamera und drückte auf den Auslöser. Ein Klick, dumpf wie ein Herzschlag im Nebel. Auf dem Display: nichts. Kein Stein. Kein Licht. Nur ein schmutziges Grau. Mara betrachtete die Kamera.

„Bitte nicht jetzt!“ Es war ihr schon einmal passiert, dass die Speicherkarte versagt hatte. „Komm schon!“ Sie nahm die Karte heraus und setzte sie wieder ein.

Ein Laut hinter ihr – zu leise für einen Schritt, zu deutlich für Wind. Sie wandte sich um, doch zwischen den verwitterten Engeln war nichts. Nur ein Kranz, der sich bewegte, obwohl kein Hauch die Luft berührte. Es war wirklich ein unheimlicher Ort, dieser abgelegene, alte Friedhof, von dem irgendwie keiner mehr was wissen wollte, den sie während ihrer Recherche danach gefragt hatte.

„Spinn nicht rum“, sagte sie zu sich selbst und ihre Worte klangen, als spräche sie in einem schalldichten Raum. Der Nebel schien immer dichter zu werden. In den Archiven der Stadt hatte sie nur sehr wenige Informationen auf Nachfrage gefunden, wie nur den kargen Hinweis, der Friedhof sei 1893 geschlossen worden. Kein Vermerk über Umbettungen, keine Karte, kein Name. Nur ein letzter Satz in einer vergilbten Akte:
„Ort fällt aus öffentlichem Gedächtnis. Keine weiteren Maßnahmen nötig.“

Sie ging weiter und machte Bilder. Auf dem kleinen Bildschirm erschienen sie jetzt korrekt. Mara atmete auf und ging langsam weiter. Der Boden sog ihre Schritte auf. Ein besonders imposantes Grab, größer als die anderen, zog sie an. Auf dem steinernen Grabmal lag dicker Staub, die Inschrift war kaum zu entziffern. Sie wischte den Staub fort – für einen Wimpernschlag leuchtete etwas auf.


Mara W—

Dann verschwand es.

„Du erinnerst dich zu deutlich.“

Die Stimme kam aus dem Nebel selbst. Mara fuhr erschrocken zusammen und wirbelte herum. Er stand zwischen den Bäumen, still wie ein Schatten, der vergessen hatte, zu wem er gehört. Ein unheimlicher Mann, dunkel gekleidet. Er schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Ein langer Mantel, ein Hut, zu Klauen gekrümmte Hände, die aus den verschlissenen Ärmeln herausragten.

„Sind Sie der Friedhofswärter?“ fragte sie, als sie ihre Fassung wiedererlangt hatte. Ihr Herz schlug immer noch heftig.

Er deutete ein Nicken an. „So hat man mich genannt. Damals, als hier noch jemand blieb.“ Seine Stimme klang wie das Rascheln alter Blätter.

„Wie meinen Sie das?“

„Niemand kommt mehr hierher. Keine Lebenden zu Besuch und erst recht keine Toten, um zu bleiben.“

„Der Friedhof wurde also aufgegeben?“

„Alle hier wurden … aufgegeben“, antwortete der Mann düster.

„Warum stehen keine Namen mehr auf den Gräbern?“

„Namen bedeuten Erinnerung. Sich erinnern bedeutet auch, sich an Schuld zu erinnern. Und Schuld will vergessen werden. Die Stadt hat diesen Ort ausgelöscht – aus Karten, aus Köpfen, aus Sprache.“ Er trat näher. „Wer sich erinnert, wird Teil dessen, woran sich nicht erinnert werden darf.“

„Was heißt das?“

„Es heißt,“ flüsterte er, „du gehörst schon halb dazu.“
Aus seiner Manteltasche zog er einen rostigen Schlüsselbund, den er zwischen die Gräber fallen ließ. Dann streckte er die Hand aus und wies mit seinem knochigen Zeigefinger dorthin, wo der Nebel besonders dicht zu sein schien. Maras Blick folgte dem Finger und als sie sich schließlich wieder umdrehte, war der Mann verschwunden. Einen Moment lang sah sie sich noch um, aber eine innere Stimme sagte ihr, dass sie sich allein auf dem Friedhof befand. Zögernd trat sie auf den Schlüsselbund zu, hob ihn auf und las die Gravur auf dem verwitterten, messingfarbenen Schild:

„Archiv der Namenlosen – Zugang nur für Erinnerte.“

Unschlüssig sah Mara erneut in die Richtung, die ihr der Mann gewiesen hatte. Sollte sie nicht besser sofort von diesem unheimlichen Ort verschwinden, anstatt den Anweisungen eines völlig Fremden zu folgen? Kalt lagen die Schlüssel in ihrer Hand. Neugier erfasste sie, wie immer, wenn sie einen neuen, verfallenen Ort betrat. Vorsichtig setzte sie einen Schritt vor den anderen, immer bemüht, nicht über ein Grab zu stolpern. Der Nebel lag so dicht über diesem Abschnitt des alten Friedhofs, dass sie fast den Boden nicht sehen konnte, geschweige denn, was direkt vor ihr lag. Das Knirschen des Kieses unter ihren Füßen war das einzige Geräusch. Dann stand sie unvermittelt vor einem rostigen Eisentor, so plötzlich, dass sie fast dagegen gelaufen wäre. Das Tor war Teil einer hohen Mauer aus uralten Bruchsteinen, überzogen mit Efeu und wildem Wein. Mara blinzelte. Ihr war, als hätte sie auf der anderen Seite durch den Nebel das Flackern einer Kerze gesehen.

Mara betrachtete die Schlüssel. Zwei große, ziemlich klobige und ein kleinerer, alle sehr alt und für ebensolche alten Schlösser geschmiedet. Gleich der erste Versuch war erfolgreich. Der Schlüssel drehte sich geräuschlos, so als sei der Mechanismus erst vor Kurzem geölt worden. Das Tor öffnete sich mit einem heiseren, rostigen Ächzen.

Dahinter lag alles im dichten Nebel. Mara erkannte umgestürzte Grabsteine, die scheinbar kreuz und quer herumlagen, so als hätte sich die Erde irgendwann vor langer Zeit einmal kräftig geschüttelt und Chaos hinterlassen. Das Flackern wurde deutlicher, je näher Mara der Lichtquelle kam. Schließlich stand sie überrascht vor einer kleinen Kapelle. Aus denselben Steinen gemauert, wie die Umfriedung, alt, verlassen und doch flackerte im Fenster neben der Tür goldfarben eine Kerze.

Geh“, flüsterte ihre innere Stimme. „Noch kannst du einfach umkehren. Bis zum Auto sind es nur ein paar Meter!“

Stattdessen nahm sie den zweiten, großen Schlüssel und schob ihn ins Schloss. Das Klacken, als er sich drehte, hallte im Inneren wider. Die schwere Tür aus dicken Holzbohlen knarrte. Der Innenraum war völlig leer, keine Bänke, keine sakralen Gegenstände. Nur ein gemauerter, schmuckloser Altar und die Kerze als einzige Lichtquelle. Mara schoss ein paar Fotos von der morbiden Atmosphäre, bevor sie ihre Taschenlampe einschaltete. Staubpartikel tanzten im Licht, ihre Atemwolken stiegen zur Decke.

Die Taschenlampe erfasste ein dunkles Quadrat im Boden, direkt vor den Stufen zum Altar. Mara trat näher. Eine Falltür. Ein weiteres Schloss. Noch ein Schlüssel war übrig.

Eine Treppe ins Dunkle. Kalte, faulig riechende Luft stieg aus der Tiefe empor. Von den Zeiten vergessen, hatte sich eine fingerdicke Staubschicht abgelagert, die bei jedem Schritt aufwirbelte, als Mara im Schein ihrer Lampe hinunterstieg.

„Wow“, entfuhr es ihr, als sie die unterste Stufe erreicht hatte. Sie stand in einem langgezogenen Raum voller alter Aktenordner. Auf beiden Seiten schienen die Regale stumm zu ächzen unter der Last alten Papiers. Es roch nach Staub und nach Ewigkeit. Die Ordner waren beschriftet, doch man konnte kaum mehr etwas entziffern. Namen, Buchstaben von-bis, manche nur verblasst, andere bewusst ausgestrichen, gelöscht. Mara zog einen Ordner hervor. Er war völlig leer, bis auf einen Spiegel an einer silbernen Kette.

Was macht ein Spiegel in einem Archivordner?“

Als sie hineinsah, blickte ihr eine Frau entgegen – dieselben Züge wie sie, dieselben Augen, nur älter, müder, als hätte sie Jahre im Nebel verbracht. Die Lippen der Frau bewegten sich. Kein Laut, nur ein Hauch.

„Erinnere.“

Das Glas zersprang mit einem hässlichen Geräusch. Erschrocken ließ Mara den Ordner fallen. Ein Wispern erhob sich. Namen, die sich in die Luft krallten, ehe sie wieder erloschen. Mit jedem Schritt wurden die Stimmen klarer.

„Elise Winter… Heinrich Krautner… Johanna Weiss…“
Dann, leise, fast zärtlich:
„Mara Winter.“

Sie blieb erstarrt stehen.
Die Lampe in ihrer Hand flackerte.

Ihr Blick fiel auf die Stirnseite der Kammer. In die Wand eingemauerte Platten mit eingravierten Namen, die verblassten, sobald sie sie ansah. Nur eine blieb. Jene mit ihrem eigenen Namen. Auf dem Boden davor lagen, kaum zu erkennen und vom Staub überzogen, ein Hammer und ein Meißel.

„Noch kannst du gehen,“ sagte eine Stimme. „Aber sie wird sich erinnern“, wisperte eine andere.

Plötzlich war er wieder da. Der Friedhofswärter – oder das, was von ihm übrig war. Sein Geist. Seine Konturen flimmerten, als stünde er zwischen zwei Wirklichkeiten. Das Zittern von Maras Hand übertrug sich auf den Lichtkegel ihrer Lampe, was die Erscheinung noch unheimlicher machte. „Wenn du gehst,“ sagte er, „vergisst du alles. Du wirst leben, aber nichts bleibt. Wenn du bleibst, erinnert sich die Welt – durch dich. Doch du selbst wirst vergessen.“ Mara sah auf die Platte, auf ihren Namen, der langsam zu verblassen begann.
„Wenn niemand sich erinnert,“ flüsterte sie, „ist alles umsonst.“

Sie hob den Meißel vom Boden auf und begann – Buchstabe für Buchstabe:
„Friedhof der Vergessenen.“

Mit dem letzten Hammerschlag war der Nebel fort.

Am Morgen darauf fand ein Straßenkehrer am Waldrand ein Stück Messing im Gras.
Kein Tor, kein Stein, keine Spur eines Friedhofs. Nur ein Streifen unberührter Erde, still und leer. Das Messingschild trug eine Gravur, kaum lesbar unter Rost und Tau:

„Sie hat sich erinnert.“

Und irgendwo, tief im Gedächtnis der Stadt, in den Archiven, für die sich niemand mehr zu interessieren schien, stürzte eine uralte Dokumentenkiste mit lautem Poltern aus einem Regal. Kurz darauf begann sich jemand zu fragen, ob es dort draußen womöglich einmal einen Ort gegeben hatte, an den man sich nicht erinnern wollte.

Bilder: Anemone123 auf Pixabay & KI

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