Kollabierte Kommunikation: Was, wenn am Ende «die Covidioten» recht haben? (NZZ)

Auch mit Statistiken lässt sich trefflich lügen. Es ist unredlich, aus der Zunahme der Neuinfektionen eine derart grosse Gesundheitsgefahr abzuleiten, wie das derzeit vonseiten der Politik und der Medien geschieht.

von Milosz Matuschek (Neue Züricher Zeitung)

Es war Mitte April 2020, die Covid-19-Todesfälle waren in Europa auf einem Höhepunkt, als ein französischer Schäfer, Besitzer von Tausenden von Schafen, ein Video online stellte. Darin erklärte er, wie er vorgeht, wenn er die Schafe scheren, impfen oder auf die Schlachtbank führen muss. Das effektivste Mittel: der imaginäre Wolf. Auf sein Signal hin, dass ein Wolf im Anmarsch sei, rennen die Schafe wie von Sinnen in den Stall. Dort angekommen, sind sie so froh, dem Wolf entkommen zu sein, dass sie alles mit sich geschehen lassen. Ob es den Wolf dann tatsächlich gab oder nicht, ist egal. Sie sind froh, in Sicherheit zu sein.

Wo ist der Wolf?

Im April starben Menschen an Covid-19, es wurden Ausgangssperren, Lockdowns und Schutzmassnahmen verhängt, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden, die zu noch mehr Toten hätte führen können. Die Bedrohungslage bestand aus schweren Krankheitsverläufen, Hospitalisierungen, Todesgefahr. Heute muss man konstatieren: Der Kollaps des Gesundheitssystems ist nicht eingetreten, vielleicht auch dank den Massnahmen. In Deutschland meldeten Ärzte und Kliniken Kurzarbeit für 400 000 Menschen an. Von der Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems redet inzwischen übrigens niemand mehr.

Kollabiert ist seitdem aber eines: die Kommunikation über das Virus. Das Virus entfaltet eine ungeahnte Nebenwirkung: Es befällt das Denkvermögen. Nun lautet die neue Gefahr: «Die zweite Welle ist im Anmarsch.» Besonders falsch sind da natürlich gerade Massendemonstrationen gegen die Corona-Politik wie letztes Wochenende in Berlin. Die Ansteckungsgefahr sei zu hoch. Erst versuchte man die Demonstration pauschal zu verbieten. Als das nicht klappte, rief man dazu auf, ihr fernzubleiben, es sei ohnehin nur eine Ansammlung von «Covidioten», Rechtsextremen und Reichsbürgern. Es ist ungeheuerlich: Politiker und einige Journalisten verunglimpfen pauschal Menschen, die gegen die derzeitige Politik demonstrieren. Man ruft erneut nach dem Wolf, aber immer weniger Menschen glauben offenbar, dass er kommt. Gibt es ihn denn, den Wolf?

Es gibt derzeit keine zweite Welle. Nicht ein Mehr an Sterbefällen, nicht ein Mehr an Hospitalisationen, nicht ein Mehr an schweren Verläufen. Doch das sind die relevanten Zahlen, wenn man die Gefährlichkeit einer Epidemie ehrlich bewerten und staatliche Zwangsmassnahmen darauf stützen will. Die Zahl, die jedoch als Schreckgespenst herumgereicht wird, ist die Zahl der Neuinfektionen, also der registrierten Fälle, mögen diese auch völlig glimpflich verlaufen. Damit wird das Virus mathematisch präsenter und gefährlicher gemacht, als es ist. Mit einer abstrakten Gefahrenprognose, die sich auf einen grossen Konjunktiv stützt, darf man jedoch keine Freiheitsrechte beschneiden. Sonst müsste man den Strassenverkehr, fettreiche Ernährung und das Leben selbst verbieten.

Kaum Tote

Die Statistik gibt gerade den «Covidioten» recht: Sowohl die Zahl der Hospitalisationen als auch jene der Todesfälle geht in allen europäischen Ländern seit Wochen zurück. Gegenüber den Peaks im April ist die tägliche Todesrate in allen europäischen Ländern um etwa 99 Prozent gefallen. Seit Mitte Juni ist in der Schweiz die Zahl der Todesfälle höchstens einstellig, an den meisten Tagen starb seither niemand mehr an (bzw. mit) Covid. Das Lockdown-abtrünnige Schweden hatte am 15. April einen Peak von 115 Corona-Toten zu vermelden. Diese Zahl ist seit dem 20. Juli einstellig, seit dem 23. August bei null. Wer aufbauend auf diesen Zahlen jetzt eine Impfpflicht oder mögliche weitere Lockdowns diskutiert, ist, pardon, selbst nicht ganz bei Trost.

Anmerkung meinerseits:

Ich habe selten einen so treffenden Vergleich gelesen wie den des Schäfers und seiner verschreckten Herde!

Quelle

3 Kommentare zu „Kollabierte Kommunikation: Was, wenn am Ende «die Covidioten» recht haben? (NZZ)

Gib deinen ab

    1. Also erstens ist der Artikel von der Neuen Zürcher Zeitung, also nicht meine Worte. Zweitens, Frau Jancak, wenn Sie noch nie in Ihrem Leben echte Wut empfunden haben, die Sie kanalisieren mussten, dann ist das bedauerlich, ändert aber nichts an der Tatsache, dass es nicht immer mit Wattebällchen im Sinne von „Ich möchte das nicht“ funktioniert. Manchmal muss man auch die verbale Keule herausholen und gefährlichen Unsinn als das bezeichnen, was er ist. Gefährlicher Unsinn. – Ich trage beim Einkaufen und beim Tanken gezwungenermaßen Maske, bzw. nur einen schwarzen Schal. Bringt natürlich nichts, ist aber idiotischerweise anerkannt. Beides erledige ich im Schnelldurchlauf, alles andere bestelle ich online und lasse es liefern.

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  1. Dann wäre das ein Vorbild, das Sie in Zukunft nützen könnten und das mit der Wut, hilft wahrscheinlich nicht viel, wenn Sie sinnlos zuschlagen oder andere Beschimpfen, besser wäre wahrscheinlich tief durchatmen und dann nachdenken, wie mache das, wie löse ich das Problem, damit kommen Sie, wiesich auch an dem Artikel sehen läßt, wahrscheinlich weiter, als mit dem Schimpfen!
    Sie werfen der Regierung ja wahrscheinlich auch vor, daß sie in ihrer Angst, oder Hilflosigkeit, vielleicht übertreibt und mit Kanonen auf Spatzen schießt, damit alles zerstört, während das Virus lustig weiter lebt und vielleicht besser gezähmt, als bekämpft werden sollte!
    Ich versuche jetzt einen Artikel über die gelbe Wiener Ampfelschaltung! Das wäre doch auch eine Idee!
    Schreiben Sie eine Geschichte, wie es sich mit Corona lebt und was da vielleicht seltsam, sinnlos oder widersprüchig ist!
    Das wirkt wahrscheinlich mehr, als wenn Sie „Welche Trottel!“, schreien.
    Also gehen Sie wieder in Ihren hühnerstall und lassen Sie ihre Hendln mit selbstgehäkelten Masken auftreten, die verschlucken sich vielleicht dabei oder legen karierte Eier….!

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