Der Buchhändler als moralische Instanz (Hans-Hermann Tiedje auf AchGut)

Hans-Hermann-Tiedje, Journalist, Publizist und ehemaliger Wahlkampfberater von Helmut Kohl mit einem kurzen, knappen und wohltuenden Text auf der Achse des Guten zur „Haltung“ vieler Buchhändler:

In knapp zwei Wochen, am 31. August 2020, erscheint das neue Werk von Auflagen-Millionär Thilo Sarrazin. Titel: „Der Staat an seinen Grenzen.“ Vorhersehbar ein Verkaufshit. Jeder Sarrazin-Titel seit „Deutschland schafft sich ab“ erreichte Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste. Der Buchhandel freut sich auf ein Bombengeschäft in kargen Corona-Zeiten

Dazu folgende Richtigstellung:

Der deutsche Buchhandel hofft zwar inständig auf staatliche Unterstützung, freut sich aber weitenteils wenig auf den neuen Sarrazin. Denn der Buchhändler als solcher versteht sich üblicherweise nicht als Dienstleister, wie etwa der Bäcker, sondern als moralische Instanz.

Als solche hat man Vorbehalte gegen Sarrazin, die man zwar schwer begründen kann, die man aber hat. Der ganze Typ und dessen luzide Erkenntnisse passen manchen Buchhändlern nicht ins Sortiment.

Ein persönliches Erlebnis: Vor Weihnachten 2017 suchte ich als Geschenk eine Biografie. Beratungsgespräch mit Buchhändlerin. Sie: „Sehr zu empfehlen ist die neue Gysi-Biografie.“ – Ich: „Gott bewahre. Igitt! Gibt es eine neue Putin-Biografie?“ – Sie: „Glaube ich nicht. Putin ist zur Zeit ja auch sehr umstritten.“ – Ich: „Aha. Was ist mit Trump?“ – Ihre Antwort: „Sowas würden wir ja nicht führen.“

Ich schaute die Dame an: „Schön, dass es Amazon gibt. Da muss ich mir einen solchen Quatsch nicht anhören, die liefern mir auch nach Hause, absolut gesinnungsfrei.“

Seither sage ich „Ja“ zu Amazon. Jeff Bezos hat an mir viel verdient.

Übrigens: Der oben beschriebene Buchladen war ein paar Monate nach meinem Besuch pleite. Der deutsche Buchhandel schafft sich ab – aus tiefster Überzeugung.

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Dem ist nichts hinzuzufügen!

Ein Kommentar zu „Der Buchhändler als moralische Instanz (Hans-Hermann Tiedje auf AchGut)

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  1. Natürlich soll ein Buchladen alles verkaufen und bestellen und keine Vorauswahl treffen, das habe ich als Kind aber in den städtischen Büchereiein auch erlebt, daß man da nicht alles lesen durfte!
    Lest also den neuen Sarrazin, so viel Neues wird da wohl nicht drin stehen und setzt euch kritisch damit auseinander!
    Aber auch die Gysi-Biografie ist zu empfehlen und wahrscheinlich auch die vom Erich Honecker, die hat mir einmal vor dreißig Jahre ein Besuch aus Ostdeutschland mitgebracht und hat sie damals aus der Müllhalde gezogen.
    Ich habe übrigens einen Buchtipfür Siem der Sie freuen wird: Sascha Reh „Großes Kino“
    Ein Buch, das nach der „Heldenreise“ geschrieben wurde, beziehungsweise sich lustig darüber macht und ein, wie es der Autor selbst bezeichnet „politisch unkorrektes“, der sich deshalb selber aus diesem Hamburger Festival, wo Lisa Eckhart nicht lesen sollte, ausgeladen hat.

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