Warum nicht gleich alles, was Deutsch ist, abschaffen?

Allein mit der Überschrift hab ich wahrscheinlich irgendwo einen Bot getriggert, der das Netz nach allem durchforstet, wo das Wort „Deutsch“ drin vorkommt. Das ist mir aber im selben Maße sowas von scheißegal, wie ich langsam nicht mehr weiß, mit welchen Worten man diesen immerfort wie ein Krebsgeschwür grassierenden LinksRotGrünen Political-Correctness-Dreck noch beschreiben soll. Aktuell ist das seit Jahrzehnten gültige Buchstabier-Alphabet ins Visier der Gut- und Besseralsbessermenschen geraten. Jouwatch beschreibt diesen Irrsinn in einem Artikel sehr treffend. Hier ist er:

Ein neuer Hype macht sich unter Deutschlands politischen Sittenwächtern breit: Der des „Übertragungs-Tabus“ oder „Kontakt-Pfuis“. Weil irgendein völlig unpolitisches Phänomen auch schon früher oder heute von Nazis verwendet wurde, wird es selbst zum No-Go. Aktuell trifft der neue Rigorismus das Buchstabier-Alphabet der deutschen Sprache – und den einen oder anderen Emoji: Beides ist voll Nazi.

„In Deutschland wird noch immer nationalsozialistisch buchstabiert“, titelte vorgestern die „Süddeutsche Zeitung„, und thematisierte den neuesten Sprach-„Skandal“, dass einige der im deutschen Buchstabier-Alphabet verwendeten Begriffe doch tatsächlich 1934, also während der NS-Herrschaft, eingeführt wurden. Die gängigen Abkürzungen – „B wie Bertram, C wie Caesar“ usw. – waren in vordigitalen Zeiten als „Regeln für das Phonodiktat“ unerlässlich, wenn es um zuverlässige buchstabenweise Inhaltsübermittlung vor allem am Telefon ging.

Nun wurde – natürlich als Teil der verbrecherischen Vernichtung zuerst der jüdischen Traditionen und dann der Juden selbst in Deutschland – unter den Nazis tatsächlich auch das Buchstabenalphabet „arisiert“, heißt: jüdische Vornamen verschwanden und wurden durch deutsche Vornamen ersetzt. „Vor Hitlers Machtergreifung hatte es hier noch geheißen: Dwie David, S wie Samuel, Z wie Zacharias und N wie Nathan“, schreibt die „Süddeutsche“. Und: „Das ging den Nazis jedoch gegen ihre völkisch-rassische Ideologie.“ Bloß: Dies ist drei Generationen her, die durch das damalige Unrechtsregime gewaltsam durchgesetzten Ersatzbegriffe sind längst Allgemeingut geworden und haben sich im Sprachgebrauch von über 85 Jahren etabliert. Empört schreibt das Münchner Blatt, dass sogar in Sendungen wie dem „Glückrad“ tatsächlich „S wie Siegfried“ buchstabiert wurde. Siegfried ist bekanntlich sowieso voll Nazi.

Es ist eine Unsitte unserer Zeit, die sich auch in Straßen-, Schul- und Kasernenumbenennungen immer wieder äußert, die gesamte Zeitläufte der Geschichte unter Aspekten der Political Correctness zu beleuchten und handelnde Personen oder getroffene Entscheidungen nicht mehr aus ihren Zeitumständen heraus zu verstehen, sondern sie stur im Lichte heutiger Einsichten und Wertvorstellungen zu beurteilen. Diesem rigiden moralischen Monitoring hält nichts und niemand stand; selbst Goethe fliegt in manchen Ländern aus dem Schulkanon wegen seiner „sexistischen“ Weltsicht.

Am besten gleich Deutsch als „Nazi-Sprache“ verbieten

Bei den Buchstaben soll es hingegen jetzt die Neufassung der Buchstabiernorm DIN 5009 richten: Diese will weitgehend die damals verbannten jüdischen Abkürzungen wieder einführen, was prompt den Zuspruch auch des Zentralrats der Juden findet: „Zum 75. Jahrestag der Befreiung sollten wir uns auch von der Nazi-Sprache und ihren Relikten befreien“, sagte Präsident Josef Schuster. „Nazi-Sprache“? Natürlich muss auf die Hintergründe hingewiesen werden, darf nicht in Vergessenheit geraten, was damals passiert ist, und ja, als eines der vielen Sinnbilder des damaligen epochalen Unrechts lässt sich etwa sogar die Substitution von „Zacharias“ durch das bis heute geläufige „Zeppelin“ anführen. Aber: Sprache speist sich aus vielen Faktoren, auch grausamen Erlebnissen und Erfahrungen; nach bald einem Jahrhundert ist die Buchstaben-Abkürzungstabelle – Entstehungsgeschichte hin oder her – völlig entpolitisiert und wertfrei. Deshalb ist es auch absurd, wenn der baden-württembergische Beauftragte gegen Antisemitismus, Michael Blume, bemängelt, dass es in der DIN 5009 heute noch „N wie Nordpol“ und nicht „N wie Nathan“ heißt. Nathan ist, wie meisten anderen damals ersetzten Vornamen, heute schlicht nicht mehr geläufig – was nicht an antisemitischen Eltern liegt, sonst wären nicht Namen wie Rafael, Rachel oder Lea nach wie vor populär.

Wer hier ernsthaft nach Neufassungen und Umbenennungen schreit, der soll doch am besten die gesamte deutsche Sprache abschaffen – die haben Hitler und seine Schergen nämlich ebenfalls gesprochen. Oder warum nicht auch die Uhrzeit, Toilettenpapier, Zähneputzen oder gleich das Atmen verbieten: Das alles war auch bei den Nazis verbreitet – deshalb am besten gleich verbieten und verteufeln.

Auch Smiley-Emojis sind tabu

Eine zeitaktuelle, modernere Entsprechung zum Buchstabieralphabet findet sich übrigens in einer nicht minder schwachsinnigen Diskussion über Emojis im Netz. Das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ macht sich allen Ernstes für die Abschaffung des tränenlachenden Smileys stark: Dieses sei im Internet „ein Symbol des Spotts und des Hasses“ geworden.

Was wie ein Aprilscherz zur Unzeit, wie eine Satire anmutet, ist leider tatsächlich ernstgemeint: Die Geisteskrankheit der Polit-Moralisten treibt mittlerweile frappanteste Blüten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf JouWatch am 08.11.19 (Autor: DM)

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