Zwiesprache mit Kater (2)

Gerade habe ich mich an den Rechner gesetzt und mir fest vorgenommen, mich endlich mal an die Bearbeitung eines Textes zu machen, da springt Leonardo maunzend auf den Schreibtisch und versperrt mir die Sicht auf den Bildschirm. Er müffelt ein bisschen. Sein Fell ist feucht und zwischen seinen Ohren klebt wenig dekorativ der Rest eines Spinnennetzes.

„Alter, wo hast du dich denn schon wieder rumgetrieben“, sage ich kopfschüttelnd. Leonardo schnaubt verächtlich. Vielleicht war es aber auch nur ein Niesen.
„Du ahnst nicht, wie blöd der Nachbar ist“, antwortet er, meine Frage geflissentlich ignorierend. So kenne ich ihn.
„Wieso“, frage ich, „der ist doch eigentlich ganz cool. Er grüßt morgens immer und …“
„Doch nicht der von nebenan“, fällt er mir ins Wort. Sein Schwanz zuckt aufgeregt hin und her. „Der mit dem kleinen Bauernhof. Die Straße runter.“
Ich halte die Luft an und frage mich, ob ich wirklich wissen will, wo sich der Kater zuweilen rumtreibt. Die Straße runter heißt, quer durch mindestens zehn Gärten und zwei Höfe zu wandern.
„So weit gehst du von zuhause weg“, frage ich vorsichtig. Leonardo kneift die Augen zusammen.
„Das ist doch nicht weit“, sagt er. „Wenn ich an meine Verwandten in der Savanne denke, wie weit die laufen dürfen …“
„Du bist aber kein Löwe, sondern ein Hauskater“, sage ich. „Außerdem dürfen die nicht, sondern sie müssen. Weil denen nämlich keiner den gefüllten Napf vor die Nase stellt, mein Freund!“
„Apropos Napf …“
„Nix da“, unterbreche ich ihn. „Wieso ist der Nachbar mit dem Bauernhof blöd?“
„Ach so, stimmt ja. Also der hat Hühner, wusstest du das?“
„Klar!“ Meine Stimme klingt ungewollt argwöhnisch.
„Nicht was du denkst“, sagt Leonardo. „Viel zu unhandlich und außerdem hacken sie einen und gackern hysterisch rum.“
„Soso.“
„Ja, also jedenfalls hat er 30 Hühner und hat jetzt 40 Füchse in ihrem Stall einquartiert.“
„Bitte was?“
„Ja, voll bekloppt, oder? Ich hab mir das die letzten Wochen mal angeguckt. Von den 30 Hühnern sind nur noch 20 da.“

Jetzt weiß ich auch, wo er sich immer so lange rumtreibt.

„Das ist ja wohl auch kein Wunder“, sage ich. „Wenn man Hühner und deren natürliche Feinde in denselben Stall sperrt …“
„Das Beste kommt ja noch“, sagt Leonardo. „Ich habe ihn belauscht, während er mit seinen Hühnern geredet hat. Echt jetzt, Menschen!“
Leonardo kichert.
„Und was hat er ihnen gesagt“, frage ich.
„Naja, dass die Hühner sich gefälligst bemühen sollen, die Füchse zu integrieren. Er hat ihnen angeraten, die Fuchssprache zu lernen.“
„Und die Füchse? Sollen die auch die Hühnersprache lernen?“
Leonardo stutzt.
„Hm, jetzt wo du’s sagst. Davon hab ich nix mitbekommen. Aber ich bin ja auch nicht ständig vor Ort. Zwischendurch hab ich ja auch mal Hunger … apropos …“
Ich hebe die Hand.
„Okay okay. Heute waren nur noch zehn Hühner im Stall und saßen ziemlich verstört auf der hintersten Stange“, erzählt Leonardo weiter.
„Und die Füchse?“
„Haben die Hälfte vom Stall in Beschlag genommen und unterhalten sich nur in ihrer Sprache. Ich kann leider kein Füchsisch. Aber irgendwas haben die vor.“

Ich kann mir lebhaft vorstellen, was die vorhaben. Leonardo putzt sein feuchtes Fell und wirft schon wieder die Tasse mit den Stiften um. Dieser Schreibtisch ist eindeutig zu klein für uns beide, Gringo!

„Wie kann man nur so blöd sein“, sagt Leonardo. „Wieso machen Menschen sowas?“
„Weil sie denken, sie tun was Gutes.“
„Willst du mich verarschen? Füchse in den Hühnerstall zu lassen? Was soll daran gut sein? Und wenn die Hühner Füchsisch gelernt hätten, wären sie noch am Leben oder was?“
„Das wage ich zu bezweifeln“, sage ich.
„Als ich vorhin gegangen bin, hat der Bauer rumgejammert. Er würde das gar nicht verstehen, er wollte den Füchsen doch nur helfen, er würde sie doch extra mit Dosenfutter versorgen und sie hätten doch alles, was sie brauchen, ach ja und wenn ich ihn richtig verstanden hab, wären eigentlich die Hühner selbst schuld, weil sie die Füchse provoziert hätten. Kann man sich nicht ausdenken!“
„Der Bauer ist wohl ein Gutmensch“, sage ich seufzend.
„Was ist ein Gutmensch?“
„Ach, ich glaube, das würde zu weit führen.“
Meinen Text kann ich für heute wahrscheinlich knicken.
„Hab ich schon erwähnt, dass ich Hunger habe“, fragt Leonardo beiläufig, während er mit einer feuchtgeleckten Pfote über sein Ohr wischt.
„Natürlich“, sage ich und schalte den Rechner aus. „Komm mit in die Küche. Gibt lecker Mampf!“
Leonardo schaut mich strahlend an und springt vom Schreibtisch.
„Ich mag dich“, sagt er und rennt die Treppe runter. „Wer zuerst unten ist!“
Ich dich auch, denke ich bei mir und folge ihm.

7 Kommentare zu „Zwiesprache mit Kater (2)

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    1. Sie haben mal wieder den Zusammenhang nicht begriffen. Es hätten auch Löwen im Antilopengehege sein können und ich frage mich grade, weshalb ich mir schon wieder die Mühe mache, Ihnen etwas zu erklären …

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  1. Es geht hier glaube ich weder um Löwen noch um Füchse, sondern um Menschen, das begreife ich wohl und vielleicht schauen Sie auch ein wenig entspannter um sich, dann werde Sie merken, daß die nicht in Ihre Wohnung kommen, die Zahl der Einbrüche ist zurückgegangen, sondern sich hier einen neuen Lebensraum suchen, den Sie ihnen offenbar nicht gönnen wollen.
    Mein Mann war übriges jetzt gerade auf einer Großdemo und wird bald nach Hause kommen und eine liebe ältere Dame mitbringen, die jeden Donnerstag auf die Straße geht, da werde ich sie fragen, ob sie Hendl fressende Füchse gesehen haben oder nur Leute mit und ohne Migrationshintergrund, die sich für ein friedliches Miteinaner einsetzen und erklären, daß die Füchse die Hendln fressen brauchen Sie mir nicht!
    Ich denke nur, das ist ein Vergleich, wo Sie vielleicht aufpassen sollten, daß Sie kein sich diffamiert Fühlender klagt!

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