Die unsichtbare Frau – Rezension

Eva Jancak: Die unsichtbare Frau, 2018, digitaldruck.at.  Taschenbuch 162 Seiten, ISBN: keine, nur über die Autorin zu beziehen: https://literaturgefluester.wordpress.com/

Lilly Schmidt, Kuratorin am österreichischen Kulturinstitut in New York,  schreibt einen Blog, in dem die Deutschlehrerin Amanda Siebenstern eine Tarnkappe erhält, mittels derer sie des Nachts führende Politiker in ihren Wohnungen aufsucht und ihnen die Leviten zu lesen.

Slavenka Jagoda forscht über literarische Blogs und stößt auf eben jenen Blog von Lilly Schmidt. Durch ein Stipendium bekommt sie die Möglichkeit, ihre Forschungen in New York zu vertiefen und lernt dort Lilly Schmidt persönlich kennen.

Alfons Tratschke ist ein Blogger, der auf Lillys Blog böse Kommentare hinterlässt und selbst einen konservativen Blog betreibt.

Soweit erst mal zu den wichtigsten Personen der Handlung, wobei da eigentlich schon der erste Kritikpunkt wäre, dass einfach zu viele Leute auftauchen, was die Geschichte unübersichtlich macht. Genauso unnötig ist im Prinzip die Reise nach New York, vermutlich mit dem Hintergrund eingebaut, um der Geschichte internationales Flair zu verleihen. Der Handlungsort ist – soweit ich das überblicke – für den Fortgang recht unerheblich. Ähnlich ist es mit realen, bekannten Personen wie Daniel Kehlmann, der ebenfalls einen Auftritt hat. Ein Zusammenhang mit der Handlung erschließt sich mir zwar auch da nicht, eine Erklärung könnte ich mir aber vorstellen. Dazu später mehr.

Die Idee, jemanden mit einer Tarnkappe zu Politikern gehen zu lassen, um denen die Meinung zu sagen, finde ich prima!

Leider geht dieser originelle Grundgedanke in einem Haufen von völlig unnötigen Nebenhandlungen und fast nicht zu zählender Figuren völlig unter. Zwei oder drei Besuche im Schlafzimmer von Sebastian Kurz bevor er Bundeskanzler wurde, das war’s. Werden im Klappentext noch Putin, Trump und Erdogan als „Ziele“ aufgeführt, wartet man beim Lesen vergeblich darauf. Einzig ein Besuch bei Donald Trump (160/61) findet statt. Dummerweise kann sich Amanda hinterher kaum daran erinnern, hat sie der Präsident doch nach einer „Rede im breitesten Amerikanisch“ mit brummendem Kopf zurückgelassen. Sowas aber auch … Ganz sicher hat dieser nicht näher ausgebaute Besuch nichts damit zu tun, dass die Autorin über die genauen Inhalte von Trumps Reden und Standpunkte nichts weiß, sondern nur der Mainstream-Presse folgt, wonach Trump stets der Böse ist. Argumente sucht man auch hier vergebens, das „breite Amerikanisch“ wird als Vorwand genommen, nichts verstanden zu haben.

Ebenso unnötig ausgewalzt wird die Person bzw. die Geschichte um den Blogger Alfons Tratschke. Eva Jancak gibt sich redlich Mühe, ihn als ausgewachsenes Arschloch darzustellen, tut das aber gleichzeitig so plakativ, dass es leider unglaubwürdig rüberkommt. Tratschke ergeht sich z. B. ebenfalls völlig zusammenhanglos in Schimpftiraden und Ekelbekundungen während er seine bettlägerige Mutter pflegt, die ihrerseits wieder als quengelnde und unzufriedene Person dargestellt wird. Seinen aufgestauten Frust entlädt er in gehässige, substanz- und inhaltslose Kommentare auf Lillys Blog. Weiterhin werden ihm ausländerfeindliche Ansichten angedichtet, die ebenfalls so verbraucht und abgenutzt sind, dass sie aus der Mottenkiste von vor zehn Jahren zu stammen scheinen. Und natürlich lebt Alfons Tratschke in Mecklenburg-Vorpommern! Seine Schwester hingegen versucht, ihn auf den richtigen Weg zurückzubringen, indem sie ihn z.B. fragt, ob er denn „keine Angst vor dem Chef oder dem Verfassungsschutz“ habe, wenn die auf seiner Seite mitlesen und er möge doch aufpassen, was er sagt. Ich kam nicht umhin, an dieser Stelle einen Smiley an den Rand des Textes zu malen.

Noch ein Punkt sind die oft furchtbar langen Monologe, die teilweise eher wie Brieftexte oder Tagebucheinträge klingen, aber nicht wie Teile eines Gesprächs. Dialoge leben von Abwechslung zwischen den Ansichten/Meinungen der Diskutanten. Hier erscheint es manchmal, als würden Gegenargumente fehlen und stattdessen die eine Meinung (die der Autorin?) umso ausführlicher ausgewalzt (sorry, mir fällt kein anderer Begriff ein) Um ein Beispiel zu nennen, erstreckt sich der Monolog von Tratschkes Schwester von Seite 108-110 über 45 Zeilen! Immerhin endet der Wasserfall mit einem einsichtigen „dozierte sie langatmig“.

Eben jene Langatmigkeit zieht sich leider durch die ganze Geschichte, was dazu führt, dass die oben erwähnte originelle Idee fast völlig untergeht. Und es ist mein Ernst, wenn ich sage, dass das wirklich schade ist, denn diese Besuche wären es wert gewesen, ausführlicher dargestellt zu werden. Stattdessen erschöpft es sich in ein paar wenigen Szenen, in denen man den Eindruck gewinnt, dass Amanda, die tarnbekappte Besucherin, nicht wirklich viel zu sagen hat, außer zu jammern, wie sehr ihre syrischen Schülerinnen doch benachteiligt werden. Dass jeder Mensch, der plötzlich nachts von einer Geisterstimme angesprochen wird, erstmal in Panik verfällt und nicht anfängt, über Integration zu diskutieren, sei mal dahingestellt. Künstlerische Freiheit in Kombination mit dem Wunsch nach Aufmerksamkeit macht‘s möglich.

Denn natürlich hat Lilly Schmidt ein Treffen mit Daniel Kehlmann und ihr Blog wird für den Nobelpreis vorgeschlagen. Drunter geht es wahrscheinlich nicht. Es ist nur eine Vermutung meinerseits, aber m. E. spiegelt der Einbau von realen Bestseller-Autoren den Wunsch der Verfasserin wider, doch endlich im großen Literaturbetrieb mitzumischen und zu den bekannten Namen zu gehören. Für den Inhalt der Geschichte spielen die Figuren keine Rolle.

Eva Jancak und ich kennen uns schon ein paar Jahre und haben schon einige Mails und Kommentare auf unseren Seiten gewechselt. Unsere Kontroversen fingen an mit stilistischen Fragen, was das Schreiben von Texten betrifft, bis hin zu politischen, tagesaktuellen Ereignissen, die wir völlig unterschiedlich einordnen. Ich nach Zahlen, Daten und Fakten, sie nach Gefühl und persönlicher Einschätzung. Im vorliegenden Buch hat Eva Jancak insbesondere bei der Figur des Alfons Tratschke aus dem Vollen gegriffen und viele meiner Argumente (mit Absicht?) zu einem wirren Brei verrührt, was zur Folge hat, dass er wie ein rechtsextremer Vollidiot  beim Leser rüberkommt und Lilly Schmidt gleichzeitig wie die Unschuld vom Lande, der ein Monster aus dem Laptop entgegen springt, kaum, dass sie ihn aufgeklappt hat. Es wäre die Gelegenheit gewesen, ihm wenigstens an diesen Stellen handfeste Argumente entgegenzusetzen. Bis auf Lily Schmidts schon erwähntes Jammern, wie böse doch alle sind und wie sie „beschimpft“ wird, und wie übel man doch den Geflüchteten mitspielt, sucht man danach vergebens.

Ihre Intention dabei ist mir zwar klar, Konservative aka. rechte Techniker aus Meck-Pomm sind böse, linke Kuratorinnen an Kulturinstituten sind die Guten. (Man sieht förmlich den abgespreizten kleinen Finger der vornehmen und kultivierten „Kuratorin“ beim Teetrinken vor sich, während Alfons, der grobmotorige und fluchende „Techniker“ mit 15er Maulschlüsseln um sich wirft und den Nachbarn vor die Tür kackt) Eine interessante Wahrnehmung, die einiges offenbart. Erwähnte ich schon den Begriff „plakativ“? Klischeehaft wäre eine hemmungslose Untertreibung. Ein schönes Beispiel findet sich auf Seite 140. Alfons Tratschkes Schwester (die Anständige von den beiden Geschwistern) kommt von der Buchmesse nach Hause und findet an ihrer Tür Schmierereien wie „Linksfaschistin“ und „Wir alle hassen Antifa“ vor. Wenn man weiß, von welcher Seite tatsächlich solche Angriffe erfolgen und auf wen, fragt man sich, was die Autorin mit so einer offensichtlichen Verdrehung der Tatsachen bezweckt. Dass sie den skandierten Spruch obendrein falsch widergibt, sei mal dahingestellt. Er lautet „Jeder hasst die Antifa!“

Okay, auch hier: künstlerische Freiheit, klar. Da es sich aber um Bezüge zu realen Ereignissen handelt, ist so eine bewusste Falschdarstellung eher ärgerlich bzw. sogar lächerlich.

Schade, man hätte mehr draus machen können. So ist es nicht mehr als eine Art persönliche Abrechnung bzw. ein Sich-den-Frust-runterschreiben.

6 Kommentare zu „Die unsichtbare Frau – Rezension

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  1. Da schreibe ich nur vielen Dank für die Rezension, auf meinen Blog gibt es noch die Möglichkeit sich an einer Leserunde zu beteiligen und vielleicht auch andere Standpunkte und Leseeindrücke zu äußern.

    Am 14. Mai gibt es eine Lesung im „Republikanischen Club“ in Wien, wo man auch über das Buch diskutieren kann.

    (Das ich mit Ihnen darüber nicht diskutiere und auch nicht beleidigt bin, ist klar, im Gegenteil ich habe mir einige Punkte daraus zu Herzen genommen, was den Stil, nicht den Inhalt betrifft, die ich für zutreffend halte und über die ich noch nachdenken werde und was den Donald Trump betrifft, das war natürlich auch ironisch gemeint und am Samstag gibts bei mir eine Rezension über das Buch „Entgleisung“ zu finden.)

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  2. Eines will ich dazu vielleicht noch sagen, der Alfons Tratschke ist mir irgendwie, wie sein Vorbild, wahrscheinlich doch ans Herz gewachsen. Sie schimpfen ja inzwischen schon ein bißchen weniger, wo ich mir einbilde daran vielleicht nicht unbeteiligt zu sein, aber der lebt natürlich als Figur nur von seinen kräftigen Sagern, wofür ich Ihnen auch ganz herzlich danke, obwohl ich natürlich froh bin, daß Sie jetzt nicht mehr soviel schimpfen und was den Nobelpreis betrifft, natürlich hätte ich den gerne, das wissen Sie ja, da habe ich mich ein bißchen selbst auf das Korn genommen und meine Wünsche und Phantasien ausgedrückt, was man ja literarisch darf und ganz besonders spannend finde ich, daß der im Jahr darauf gar nicht mehr vergeben wurde, weil sich die Kommisssion zerstritten hat, was mit meinen Text natürlich nichts zu tun hat, aber ein interessanter Zufall ist!

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    1. Sagen wir mal so, falls es in der letzten Zeit weniger anzuprangern gab, dann mangels Zeit. Ich kann mir zwar vorstellen, dass Sie sich das gern auf die Fahnen schreiben würden, aber, wissen Sie, liebe Frau Jancak, niemand beeinflusst meine Denke oder meine Ansichten. Wenn ich also wieder Grund habe und/oder Ansätze finde, mich zu empören, dann schreib ich darüber 🙂 Was ich – nebenbei bemerkt – im Moment auch wieder tue.

      Und natürlich dürfen Sie vom Nobelpreis träumen, keine Frage. Es ist nur so, wenn man Sie kennt und weiß, wie überzeugt Sie von Ihren Fähigkeiten sind, kommt man nicht umhin, Ihnen zu glauben, dass Sie sich tatsächlich für nobelpreiswürdig halten. Ironie sowie Humor und das Schmunzeln über sich selbst, bzw. das Sich-selbst-nicht-so-ernstnehmen, sind – und da werden Sie mir beipflichten – nicht so sehr Ihre Stärken. Wobei natürlich andererseits allein die Vorstellung „Nobel“ so absurd ist, dass einem daraus schon die Ironie wie ein Kastenteufel entgegenspringen müsste. 🙂

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  3. So ist es, die Seele ist ein weites Land und wenn man sich zu viel ärgert, dann zerplatzt man vielleicht daran oder bekommt ein Magengeschwür und das ist nicht gut und natürlich oder leider hat die Realität meinen Roman den ich Ende 2017 geschrieben habe, inzwischen weit eingeholt und übertroffen!

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    1. Gerade um nicht zu zerplatzen, schreibe ich ja darüber. Schreiben ist in jedweder Hinsicht ein gutes Ventil und solange der gesunde Menschenverstand in Politik und Gesellschaft eine Ausnahmeerscheinung ist, solange gibt es genug Material, das sich verarbeiten lässt.

      Vielleicht haben Sie ja seherische Fähigkeiten? Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie die Apokalypse herannahen sehen? 😉

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