Sungs Laden – Eine Rezension

Sungs Laden, von Karin Kalisa, 2015 erschienen bei Droemer Knaur, Taschenbuch 246 Seiten, ISBN 978-3-426-305669

„Sungs Laden“ ist der erste Roman von Karin Kalisa, die sich sowohl mit asiatischer Sprache und Kultur, als auch mit Philosophie beschäftigt, was man der Geschichte auch anmerkt. Ein Hinweis von meiner Freundin Eva Jancak aus Wien hat mich auf das Buch aufmerksam gemacht.

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Sie beginnt mit der Dezember-Aktion einer Grundschule im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, eine sogenannte „weltoffene Woche“ auszurufen. Anlass ist ein zurückliegender Vorfall, als „ein paar Sechstklässler den Zweitklässler aus Gambia drangsaliert hatten“. (Gut, in der Realität laufen solche Szenarien i. d. R. entgegengesetzt ab, aber sei’s drum) Alle Kinder mit Migrationshintergrund sollen ein Kulturgut aus ihrer Heimat mitbringen und es im Rahmen einer Veranstaltung in der Schulaula vorstellen. Von sechzehn vietnamesischen Kindern wird der achtjährige Minh dazu auserkoren. Etwas ratlos wendet er sich an seine Großmutter, nachdem ihm Winkekatzen oder Plastikwindräder als weniger geeignet erscheinen. Oma Hièn hat schließlich die rettende Idee und präsentiert mit ihrem Enkel die fast 100jährige Thùy, eine nahezu lebensgroße, handgeschnitzte  Holzpuppe, die in Vietnam Teil eines sogenannten Wasserpuppen-Theaters war.

In Rückblenden wird erzählt, wie Hièn aus Vietnam als Arbeiterin in die ehemalige DDR kam, wie sie nebenbei mit Nähen Geld verdiente, davon zuerst Sprachlehrbücher kaufte und beginnt, nicht nur die Sprache ihrer neuen Heimat, sondern das Land an sich zu mögen. Schließlich wird Sung geboren und in Dete, der etwas unkonventionellen Hebamme findet Hièn nicht nur eine gute Freundin, sondern eine echte Hilfe in fast allen Lebenslagen, so schafft sie es dank ihrer Verbindungen und Kontakte, dass die Familie einen leerstehenden Laden übernehmen darf, was in den damaligen Verhältnissen an ein Wunder grenzte.

Der Laden floriert, nicht zuletzt wegen der Frau, die so gut Deutsch sprach und dem Mann, der immer so freundlich lächelte. Er wird zu einer Institution im Kiez und niemand ahnt, welche Bedeutung dem kleinen Laden zukünftig zukommen sollte.

Was nach dem Auftritt von Minh und seiner Großmutter in der Aula geschieht, welche Veränderungen der Kiez und seine Bewohner in der Folge erleben, erzählt die Autorin in sehr schönen und ruhigen Bildern. Die Holzpuppen werden zu einem Verkaufsschlager, vietnamesische Mode und eine gelassenere Lebensweise hält Einzug. Im zweiten und dritten Teil des Buches geht m. E. ein bisschen von der lockeren, anfänglichen Erzählweise verloren. Erst als die Affenbrücken, einfache, aus Bambusrohren konstruierte Überquerungen ins Spiel kommen, die in Nacht- und Nebelaktionen über den Straßen von Berlin von einem Wohnhaus zum anderen gebaut werden, wird es wieder etwas spannender.

Fazit: Ein lesenswertes und schön geschriebener Roman, dessen Autorin man die Verbundenheit zur asiatischen Welt anmerkt. Einzig die Frage nach der Botschaft der Geschichte ist mir nicht so ganz klar. Die Affenbrücken symbolisieren natürlich die Verbundenheit zwischen den unterschiedlichen Kulturen, soweit keine Frage. Auf der Seite einer *hüstel* sozialistischen Wochenzeitung fand ich am Schluß einer Rezension die Bemerkung:

„Sungs Laden“ ist ein Buch zur rechten Zeit. Der Roman erzählt, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen zueinander finden. Und das ist im Sommer 2015 wichtiger denn je.

Quelle

Und da liegt vermutlich der Hase im Pfeffer, denn der Vergleich mit bzw. der Hinweis auf die aktuellen, grassierenden Probleme seit 2015 hinkt gewaltig. Freundliche, lern- und integrationswillige Vietnamesen quasi als Beispiel für gelungenes Multikulti heranzuziehen, funktioniert nicht. Niemand würde einer Gruppe Asiaten ausweichen, die einem nächtens auf der Straße entgegen kommt. Wir wissen vielmehr alle, welcher Gruppe man in diesem Fall besser aus dem Weg geht. Es gibt unzählige Asiaten, die bei uns leben und arbeiten, allein in Düsseldorf gibt es eine japanische Community von ca. 6500 Personen, die völlig normal hier leben, die nicht negativ auffallen, die sogar extrem gern gesehen sind und deren Feste Besucher aus nah und fern anlocken.

Haben wir Probleme mit Italienern? Spaniern? Briten? Australiern? Welche Nationalitäten sind denn in Kriminalstatistiken überrepräsentiert? Welche Kulturen fordern und fordern und fordern, anstatt in gleichem Maße zu liefern? Für welche Kulturen müssen eigens Konferenzen einberufen werden, (die meist ohnehin keine Änderungen bringen) um das Zusammenleben zu regeln?

Für Vietnamesen ganz sicher nicht!

Vereinzelt wurde das Buch als „Märchen“ bezeichnet. Das wäre es in der Tat, hätte die Autorin nahöstliche oder afrikanische Zustände in den Prenzlauer Berg gebracht. Dann wäre es ein Märchen geworden. So ist es vielmehr eine Handlung, in die man sich ganz ausgezeichnet hineinversetzen und sich darin zu leben vorstellen kann.

In Sungs Laden würde ich auch gern einkaufen.

9 Kommentare zu „Sungs Laden – Eine Rezension

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  1. Fein, daß Sie in „Sungs Laden“ einkaufen und beim „Mohrenkopf“ einen „Mohr im Hemd“ essen wollen. Eine schöne Rezension würde ich sagen, habe nur etwas Bauchweh, was ihre politischen Schlußfolgerungen betrifft, zu denen ich Sie ja, beziehungsweise das Veranstalterteam der „Literatur im Herbst“ veranlaßt haben, von denen ich glaube, daß sie das Buch in ihr Festival aufgenommen haben, weil sie in Zeiten, wie diesen das Völkervberbindende aufzeigen wollten, was, wie ich fürchte, in Zeiten, wie diesen nicht sehr einfach ist.
    Daher nur ein paar Anmerkungen, ich glaube wirklich, daß nicht alles nur weiß und nur schwarz ist, bei meinen früheren Texten wurde mir öfter bemängelt, das ich das angeblich tun würde, also, ich glaube nicht, daß es nur die ausländischen Kinder sind, die den deutschen die „Haxeln“ stellen und ihnen „Fette Sau!“ oder was anderes nachschreien und ich glaube auch und immer noch, daß man auch Afrikanern und Moslems nach wie vor gefahrlos begegnen kann und tue das auch regelmäßig.
    Was mir Angst macht, ist das, was ich in Diskussionen auch von österreichischen Politikern, nicht nur von Ihnen, so hören kann und das Buch halte ich wahrscheinlich auch für ein Märchen. Für eine schöne Utopie, denn ich glaube gehört zu haben, daß die vietnamnesischen Vertragsarbeiter in der DDR auch gemobbt und ausgegrenzt wurden, auch wenn das offiziell nicht zugegeben wurde.
    Es ist aber trotzdem gerade vor Weihnachten ein schönes und wichtiges Buch, weil es Hoffnung geben kann, es vielleicht doch miteinander und nicht nur gegeneinander zu versuchen!
    So und jetzt bin ich gespannt, was Sie auf meinen Blog schreiben werden und verlinke auf meine Rezenson https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/12/13/sungs-laden/

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    1. Ich glaube Ihnen absolut, dass Sie davon überzeugt sind, wie Sie die Dinge sehen. Ich glaube Ihnen auch, dass Ihnen bei Ihren regelmäßigen Begegnungen noch nichts widerfahren ist. Mir nämlich auch nicht. Nichtsdestotrotz ist die Realität eine andere, auch wenn man das gerne ausblendet. Wenn einem diese Diskussionen Angst machen, dann vielleicht deshalb, weil man mangels Information nichts zu erwidern hat, oder weil sie einem die Augen öffnen und man das gar nicht möchte, weil es nicht dem Ideal entspricht, das man sich zurechtgelegt hat? Vieles ist denkbar. Es zu ergründen, vermutlich schwierig.

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  2. Ist nicht ganz so, denn wenn ein Baum kaputt ist nicht der ganze Wald verloren und oft ist es, denke ich, wichtig, das Ganze zu sehen, das viele was klappt und nicht nur hypnotisiert auf das starren, was nicht in Ordnung ist und so finde ich es gut, daß Sie in Sungs Laden einkaufen wollen und in den Vierteln das problemlose Zusammenleben mit anderen Volksgruppen sehen und wenn Sie jetzt auch noch bemerken, daß nicht alle Afrikaner und Araber töten und vergewaltigen, haben Sie für das Ganze vielleicht etwas getan, den Deeskalieren ist in Zeiten, wie diesen sicher wichtiger, als aufhetzen und Unmut schüren und so sehe ich den Roman, der ja noch dazu in der Weihnachtszeit spielt!

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  3. Aber trotzdem sind nicht alle Muslime und Afrikaner Gewaltverbrecher, was man in Zeiten, wie diesen gerne übersieht, was aber schade ist, weil man dann nicht mehr objektiv urteilen kann und auch viel versäumt und was das „Antaios-Lesen“ betrifft, so habe ich zwar kein Buch aus diesen Verlag, aber Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, auf meine 2019 Leseliste gesetzt und habe vor, es zu lesen, sobald ich mit den Rezensionsexemplaren, die noch auf mich warten, fertig bin.
    Das Buch ist zwar nicht mehr ganz aktuell, aber wir können es trotzdem, wenn Sie wollen, wieder gemeinsam lesen, Sie können mir auch kommentieren uind jetzt warte ich auf das „Dummie“ von der „Unsichtbaren Frau“, bei dem Sie sich, wenn das Buch erschienen ist, ja auch an der Leserunde beteiligen können!

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    1. Es gibt mehrere Bücher, aber Sie haben völlig Recht. Lesen Sie ihn bloß nicht! Fakten, Tatsachen, Quellen, Beweise, igitt … alles Gift für die Ein-Baum-These. Es ist tatsächlich besser, Sie halten sich an Fiktionen. Oder Sie fragen Josef aus Malta … 😉

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  4. Ich glaube, ich weiß ohnehin was drinsteht und komme mit den Fakten, die ich habe, gut zurecht. Also das eine, das ich, glaube ich, im Februar in der Seestadt gefunden habe.
    Sie können ja, wenn Sie wollen, das Neue lesen und wir können vergleichen, was sich inzwischen verändert hat.
    Die Stimmung ist bestimmt nicht besser geworden und die Deutsch- und Literaturkenntnisse der Schüler wahrscheinlich auch nicht. Da gab es heute im alten AKH vor dem Christkindlmarkt, wo Martin Sellner vloggte, daß er heuer keinen besuchen wird, eine Enquete der IG Autoren über die ich gleich berichten werde und den Josef aus Malta, wenn Sie sich auf meine Straßenbekanntschaft vom Sommer beziehen, habe ich seither nicht mehr gesehen!

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