George Langelaan – Das Wunder

George Langelaan (geboren am 19. Januar 1908 in Paris; gestorben am 9. Februar 1972) war ein französisch-britischer Schriftsteller und Journalist, Verfasser von Spionage-, Horror- und Science-Fiction-Erzählungen. Er ist vor allem bekannt als Autor der mehrfach verfilmten SF-Kurzgeschichte Die Fliege. Beide Verfilmungen, von 1958 und von 1986 genießen unter SciFi- und Horrorfans Kultstatus. Die Geschichte findet sich in der Kurzgeschichtensammlung „Die Fliege und andere Erzählungen“, erschienen in der dtv phantastica Ausgabe 1980

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Weitestgehend unbekannter sind hingegen die anderen Geschichten in diesem Buch, so zum Beispiel „Das Wunder“. Eine Story mit jenem Effekt, den ich an Kurzgeschichten so liebe. Man beginnt zu lesen, taucht von Zeile zu Zeile mehr in die Geschichte ein, man fiebert auf die Auflösung hin und am Schluss entfährt einem ein „Ach du Schande!“, das von Herzen kommt, weil das Finale alle Erwartungen noch übertrifft.

In dieser Geschichte geht es um Herrn Jadant, einen Handlungsreisenden, der seit achtundzwanzig Jahren geschäftlich unterwegs ist und sich in dieser Zeit auch mit der Möglichkeit eines Zugunglücks beschäftigt hat und wie man möglichst unbeschadet davon kommt.

Eines Tages geschieht das, was er immer befürchtet hatte und instinktiv erinnert er sich an seine Überlebensstrategie

Darum hatte er auch jetzt, wie ein durchexerzierter Soldat, beim ersten Alarmzeichen die Beine hochgezogen, bevor die Bänke zusammengedrückt wurden, sich dann zur Kugel zusammengerollt – der günstigsten Stellung, um eine Chance zu haben, davonzukommen […]

Was für einen Charakter dieser Herr Jadant hat, zeigt sich, als er noch während der Rettungsarbeiten um ihn herum beschließt, die Zuggesellschaft dafür bezahlen zu lassen und einen perfiden Plan entwickelt, indem er fortan die Lähmung seiner Beine simuliert, obwohl er völlig normal laufen kann.

In der Folgezeit perfektioniert er die Simulation, lässt alle auch noch so schmerzhaften Untersuchungen über sich ergehen, es gelingt ihm, alle hinters Licht zu führen, z. B., indem er peinlichst darauf achtet, seine Schuhsohlen sauber zu halten, denn wenn er allein und unbeobachtet ist, läuft er natürlich herum, trainiert Muskeln und Gelenke für das geplante, große Finale. Während einer Wallfahrt nach Lourdes will er – natürlich nach Zahlung der Entschädigung durch die Bahngesellschaft – ein Wunder inszenieren, indem er inmitten all der Wallfahrer plötzlich aus dem Rollstuhl aufsteht und geht. Aber es kommt unerwartet anders und das ist einer der Momente, in dem man beginnt, zu ahnen, worauf es hinausläuft und man unweigerlich die Luft anhält.

Das „Wunder“ misslingt, Herr Jadant erhebt sich am Eingang der Grotte zunächst, stürzt dann aber mehrmals und wird fast wahnsinnig, als er die Wahrheit erkennt. Für die anderen Wallfahrer ist er nur ein Bedauernswerter von vielen, die sich Heilung erhofft hatten, die nicht eintritt.

„Ich gehe … ich … ich gehe“, stammelte er, als der Soldat und ein Priester ihn aufrichteten. „Lassen Sie mich, ich kann wieder gehen, ich sage es Ihnen doch!“ Und als sie gehorchten, stürzte er aufs neue hin […]

Etwa zur selben Zeit erzählt Raymonde, eine junge, tatsächlich gelähmte Frau, dem Pfarrer eine seltsame Geschichte, in der ihr die Jungfrau Maria erschienen sei und gesagt habe

„Raymonde, ich habe zwei Beine gefunden, die nutzlos geworden sind. Hier bring ich sie dir!“

Und vor den staunenden Augen des Pfarrers steht sie auf und geht.

Ich liebe Geschichten mit solchen Enden und kann sie immer wieder lesen, auch wenn man nach dem ersten Mal natürlich die Auflösung kennt. Das Buch enthält insgesamt 10 Kurzgeschichten, unter anderem auch „Denkende Roboter“, welche unter dem Titel „Schach dem Roboter“ in den 70er Jahren verfilmt wurde und in der der Graf von Saint-Germain Roboter baut, in die er Gehirne von Menschen mit besonderen Fähigkeiten einpflanzt, so z. B. das eines Schachspielers in einen Schachautomaten.

Keine der Stories hat jedoch diesen Ach-Du-Schande-Effekt wie „Das Wunder“. War höchste Zeit, das alte Schätzchen mal wieder zu lesen und hier zu verewigen.

 

 

 

7 Kommentare zu „George Langelaan – Das Wunder

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    1. Anders ausdrücken … Nunja, Sie wissen, über welche Themen ich mich besonders aufrege. Vielleicht ist es Ihnen vergönnt, all den täglich stattfindenden Wahnsinn mit einem „Ich möchte das nicht“ abzutun und zur Tagesordnung überzugehen. Andere hingegen packt die völlig menschliche, nachvollziehbare Wut, die sich in entsprechenden Worten wiederfindet. Daraus ergibt sich die Frage, was ist offener und ehrlicher?

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  1. Müßte auch gehen, daß Sie es konstruktiver formulieren, denn nur so wird etwas weiter gehen und kann sich was verändern!
    Ich möchte ja die endlos Diskussion nicht wieder aufheizen, aber wissen Sie, was auf der letzten Demo spannend war, daß es da um Gewalt um Frauen ging und da wurde das leidliche Thema Vergewaltigung „Wir können unsere Frauen nicht mehr aus dem Haus gehen lassen, weil sich da sofort ein Asylwerber auf sie stürzt!“, von der ganz anderen Seite aufgerollt, siebzig achtzig Prozent der Gewalttaten passieren in der Familie, vom Vater, Onkel, Bruder und da habe ich mir gedacht, rechts und links reden aneinender vorbei obwohl sie doch dasselbe wollen, daß es keine Gewalt mehr gegen Frauen gibt!
    Und über manches was Sie aufbrachten, kann man auch weiter diskutieren! Aber wenn man gleich zu schimpfen anfängt und beispielsweise sagt, jeder der nicht meiner Meinung ist, ist linksextrem und alle Linken sind gewalttätig, während die Rechten oder Konservativen das ja nie und nimmer sind, sondern ganz liebe Lämmchen, dann kommt man, denke ich, nicht weiter und redet aneinander vorbei!
    Ganz abgesehen davon, daß ich es spannend finde, wenn Sie sich mit Literatur beschäftigen, denn das ist ein Thema, das mich sehr interessiert!

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    1. Literatur ist ja auch viel schöner, als sich mit der Realität zu beschäftigen, keine Frage. Wenn die Literatur dann auch noch mit der eigenen Sicht der Dinge übereinstimmt (Fakten hin oder her), ist die Freude doppelt so groß. Sicher sind Ihnen die Vorkommnisse in Freiburg und München in den letzten Tagen entgangen. Wütende Bürger in Freiburg, die einfach nur ihrem Zorn über eine erneute Massenvergewaltigung mittels einer friedlichen Demo Ausdruck verleihen wollten, denen man „Instrumentalisierung“ vorwarf, die man Nazis titulierte und die von Linken mit Eisenstangen durch die Stadt gejagt wurden. Natürlich, in Ihrer Wahrnehmung ist auch diese Erwähnung meinerseits ein „aneinander vorbeireden“. Ich nenne es Klartext reden.

      Aber wissen Sie was? Ich werde auch in Zukunft – und besonders dann, wenn ich Kunst, Kultur und Redefreiheit von Links angegriffen sehe – darüber schreiben.

      Die anderen Ereignisse, die sich häufen werden, werde ich bestenfalls mal anreißen. Mittlerweile tendiere ich zu der Ansicht, dass mir jede Gewalttat durch „Schutzsuchende“, sei es Raub, Mord, Vergewaltigung oder was auch immer, mehr und mehr gleichgültig sein sollte. Wenn selbst Gewaltopfer vorrangig Sorge haben, ihr Fall könne „von Rechts instrumentalisiert“ werden, dann ist – auch das schrieb ich schon mal – dem Land nicht mehr zu helfen. Wenn selbst Frauenrechtlerinnen den Islam in Schutz nehmen, eine abgrundtief frauenverachtende Ideologie, was soll man dazu noch sagen? Völker, denen das eigene Wohlergehen so egal ist, haben es nicht besser verdient, als überrannt, ausgebeutet und ausgeblutet zu werden. Und wenn ich mitansehen muss, wieviel Stimmen die Grünen bei uns bekommen, die genau diese Zustände fordern und fördern, meine Güte, was soll ich dann dazu noch schreiben? Geliefert wie bestellt, vielleicht?

      Übrigens, ich denke, ich habe schon konstruktiv formuliert, indem ich Zahlen, Daten und Fakten wieder und wieder brachte und … ach was soll’s, ist doch egal.

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  2. Sind sie nicht, aber wenn man das Ganze sieht, dann merkt man, daß es noch die anderen achtzig, fünfundachtzig oder gar neunzig Prozent gibt und die sollte man auch nicht aus den Augen verlieren und die sind viel viel mehr und ich schreibe, wie Sie vielleicht wissen, auch sehr kritisch, meine letzten Romane, von denen Sie einen vielleicht lesen werden, war das sehr, liebe Grüße, ich gehe zur österreichischen Buchpreisverleihung und bin sicher, daß mich auf dem Weg keiner vergewaltigt!

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