Zwiesprache mit Kater (1)

Immer wenn du vor diesem Bildschirm sitzt, schüttelst du mit dem Kopf“, sagt Leo, während ich am Computer sitze und mit dem Kopf schüttle. Leo ist einer von drei Katern, die bei mir leben. Er ist rot und wird nächstes Jahr Zehn. Er springt auf meinen Schreibtisch und guckt mich an.

Warum schüttelst du immer den Kopf?“

Weil ich manche Menschen einfach nicht verstehe“, sage ich.

Musst du sie denn verstehen?“

Müssen nicht“, sage ich. „Aber ich würde gern. Krabbelst du bitte nicht hinter dem Bildschirm rum? Das HDMI-Kabel ist schon mal raus gerutscht!“

Hab dich nicht so“, sagt Leo und fängt an, sich zu putzen. „Warum würdest du sie gern verstehen und sind das bestimmte Menschen?“

Naja, sie fühlen sich eher dem linken Lager zugehörig.“

Leo hält mitten im Putzen inne.

Was zum Henker ist ein linkes Lager? Gibt es auch ein rechtes?“

Klar“, sage ich. „Linke sind zum Beispiel der Ansicht, alle Menschen wären gleich, Länder dürften keine Grenzen haben …“

Wie, keine Grenzen“, unterbricht Leo verdutzt. „Soll ich vielleicht alle Katzen der Nachbarschaft in unserem Hof rumspazieren lassen? Ich glaub, dir brennt der Kittel! Wenn der dicke graue Typ von neulich wieder zwischen deinen Lavendel kackt, hau ich ihm das Ohr in Fransen!“

Tja, dann bist du in den Augen von Linken ein rassistischer Kater“, sage ich. „Der graue Kater könnte ja bei uns Schutz suchen.“

Das wüsste ich aber“, sagt Leo. Ich beneide ihn, wie er sich verbiegen kann, um über seinen Rücken zu lecken. Ich krieg schon beim Sockenanziehen einen Krampf in den Schultern. „Wer in unserem Hof Schutz sucht, kackt nicht mit Bedacht in den Lavendel, basta. Der fliegt raus! Außerdem lauert der doofe Graue immer an deinem Futterhäuschen auf die Vögel. Von wegen, der sucht Schutz!“

Das sehen Linke eben anders. Beziehungsweise sehen sie vor lauter Toleranz gar nicht, dass ihr Lavendel allmählich zum Teufel geht.“

Wie kann man das nicht sehen? Hast du mal an der Kacke gerochen? Da fallen dir die Krallen raus!“

Das ist es ja, weswegen ich den Kopf schüttle, Dicker. Solange den Linken keiner direkt auf die Schuhe kackt, spielt es keine Rolle, ob zwei Türen weiter jemand in der Gülle erstickt. Und wenn es ihnen mal selbst widerfährt, suchen sie die Schuld nicht bei den Verursachern, sondern bei sich selbst. Vielleicht haben sie den Kater ja ermutigt, in die Botanik zu pullern.“

Das ist nicht dein Ernst“, sagt Leo.

Doch“, sage ich. „Und selbst wenn alles vollgeschissen ist, sind sie strikt dagegen, dass die Übeltäter rausgeschmissen werden.“

Ach jetzt komm aber, du verarschst mich doch!“

Ich schüttle wieder den Kopf.

Linke geben auch vor, tolerant zu sein und andere Meinungen zu akzeptieren“, sage ich.

Ach was“, sagt Leo argwöhnisch. Ich merke, er lernt schnell.

Natürlich nur, solange die andere Meinung dieselbe ist, die sie vertreten.“

Leo hält im Putzen inne. Er sitzt aufrecht auf meinem Schreibtisch und guckt mich mit seinen grünen Augen nachdenklich an.

Lassen die auch ihre Häuser offen stehen, wenn sie raus gehen?“

Mit Sicherheit nicht“, sage ich.

Und ihre Autos?“

Vermutlich auch nicht.“

Und gleichzeitig wollen sie aber, dass eure Grenzen offenbleiben und jeder rein spazieren kann und jeder, der nicht ihrer Ansicht ist, ist demnach ein Rechter. Klingt doch ein bisschen … wie heißt das bei euch … schizophren, oder?“

Wo hast du das Wort denn aufgeschnappt“, frage ich verwundert.

Da staunste, was“, sagt Leo und ich könnte schwören, dass er grinst. Er steht auf, dreht sich schnurrend um die eigene Achse und wirft mit seinem Schwanz die Tasse mit den Stiften um. Ich sammel die Stifte wieder auf.

Weißt du“, sage ich nachdenklich, „das nervtötende an der Sache ist, wenn man sie mit ihren eigenen Widersprüchen konfrontiert, indem man sie zitiert, indem man ihnen Fakten liefert, die ihre Ansichten komplett widerlegen …“

Was dann“, fragt Leo.

Na nix“, sage ich. „Dann kommt nix mehr. Nur noch leere Phrasen.“

Ach komm Mensch, zerbrich dir doch nicht so sehr den Kopf“, sagt Leo und reibt seinen Kopf an meinem Arm. Mit der anderen Hand kraule ich ihn im Nacken. Er schnurrt wie ein Motor. „Spätestens wenn sie nichts mehr zu erwidern haben, heißt das doch, dass du richtig liegst und gewonnen hast.“

Das ist mir auch klar“, sage ich. „Es ist trotzdem erschreckend, wie viel Einfalt da draußen unterwegs ist und welchen Schaden diese Einfalt tagtäglich anrichtet. Und niemand hält sie auf.“

Und wenn ihr Klugen einfach hingeht, euren Kram in Sicherheit bringt und diese Einfaltspinsel in dem Chaos untergehen lasst, das sie angerichtet haben?“

Könnte sein, dass das als einzige Option bleibt“, sage ich schwermütig. „Und das gefällt mir gar nicht. Eigentlich ist es nämlich ein schönes Land, in dem wir leben.“

Stimmt“, sagt Leo. „Nirgends gibt es soviel Auswahl an Katzenfutter. Und hast du in der Werbung, die unten in der Küche liegt, diesen geilen Kratzbaum gesehen? Bestimmt ist der in einem coolen Karton verpackt, wenn du den kaufst! Den kaufst du doch, oder? Krieg ich nachher was von deinem Joghurt ab? Bitte bitte!“

Aber der hat rechtsdrehende Milchsäuren“, sage ich.

Dann erst recht“, sagt Leo.

Ich mag dich“, sage ich.

Leo schnurrt und springt vom Schreibtisch.

2 Kommentare zu „Zwiesprache mit Kater (1)

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  1. Wieder was zum Kopfschütteln, was Sie für Sorgen mit den Linken haben, die eine tolerante weltoffene Welt wollen und nichts gegen Flüchtlinge und Ausländer haben, die Sie so zur Verzweiflung bringt, aber wenn Sie jetzt auswandern, dann sind Sie auch ein Flüchtling und werden von Ihrem Gastland möglicherweise auch nicht nett aufgenommen werden, weil die ihr rechts- oder linksdrehendes Joghurt nicht mit Ihnen teilen wollen!
    Es ist schon eine verquere Weltsicht, wenn man den Wald nicht mehr vor Bäumen sieht! Sie könnten aber auch eine linksdenke Katze haben, die tolerant ist und ihr Joghurt auch mit anderen teilt, denn wie heißt das doch so schön?
    Gemeinsam sind wir stark, miteinander und nicht gegeneinander und so weiter uns so fort! Aber jetzt springen Sie sicher wieder vor lauter Kopfschütteln an die Wand, statt sich zu freuen, daß Sie in einem reichen Land leben, in dem es in den Supermärkten so viel zu kaufen gibt!

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